Freitag, 19. Februar 2010

Samstag, 06.September 2008 und das Ende des Abenteuers

Samstag, 06.09.2008
Der Tag fing nicht sehr lustig an. Nicht nur hatte ich einen kleinen Kater, sondern auch Schnupfen und Halskratzen. Zusätzlich sollte an diesem Tag Agnieszka, eine unserer Kommilitonen und eine Bereicherung für den Unterhaltungswert in der Gruppe abfliegen, weil sie zurück zur Arbeit musste. Des weiteren ging es auch den meisten der Gruppe nicht sonderlich gut, zurückzuführen auf den gestrigen Abend samt vernichteter Lebensmittel.
Gut hingegegen ging es Gwenneth, ein Freund unseres Dozenten Frank. Seines Zeichens Waliser und als Historiker in Moskau seit Jahren tätig. Gwenneth spricht ausgesprochen gutes Deutsch und war auch sonst ein sehr angenehmer Reisebegleiter. (Hier nun ein kleiner Einschub: Was heißt: "spricht gut Deutsch und war auch sonst ... angenehm ... " ???) Ich weiß nicht, was und ob überhaupt ich mir etwas dabei gedacht habe ... ).
Wir trafen ihn am Bahnhof und er begleitete uns nach Sergeev Posad, eine Klosteranlage außerhalb von Moskau. Die Zugfahrt ließ mich eine Zeit lang das Unwohlsein vergessen. Genauer gesagt 2 1/2 Stunden lang. Der Zug war ein ansehnliches Model aus einer Zeit, in der Zugbauer noch Geschmack hatten, aber von attraktiver Bemalung soviel hielten wie unsere Hotelküche von gutem Essen. Sehr wenig bis gar nichts. Die sitze waren genauso tückisch, wie im Hotel. Von außen erweckten sie den Eindruck höchster Gemütlichkeit. Spitze für eine lange Zugfahrt. Ließ man sich aber mit einem wohligen Seufzer plumpsen, so ging man das Risiko ein, dass die Wirbelsäule mit einem häßlichen Geräusch senkrecht aus dem Körper schoß, denn die ach so gemütlichen Sitze waren Stahlplatten und nur mit einem dünnen Leder bespannt.
Dennoch gestaltete sich die Fahrt unterhaltsam. Nicht nur bekam man die Randgebiete Moskaus und später die ersten Grünflächen zu sehen, sondern man konnte auch die verschiedensten lustigen und weniger lustigen Dinge erstehen, die man für eine lange Zugfahrt braucht. Oder auch nicht braucht. Hatte man Geld und Humor konnte man wahlweise Topflappen, Tüten, die Bibel, Kugelschreiber, Badeschwämme, Bier, Bücher, CDs, DVDs, und, was mein Lieblingsexemplar war, einen Elektroschocker erstehen. Wozu braucht man einen Elektroschocker? Und wozu braucht man einen Elektroschocker auf einer Zugfahrt? Vielleicht für die Bärenjagd im Wald? Aber so ein Schocker kitzelt doch eine Bären höchstens. Die für mich einzig plausible Erklärung war, dass ich damit den Typen, die das Zeug verkauften mal gehörig meine Meinung geigen könnte.
Die Klosteranlage Sergeev Posad ist wirklich sehenswert. Die Mauern imponieren durch ihre Größe und Stärke und die Kathedrale in der Mitte der Anlage ist der am Kreml nachempfunden. Nachdem das Kloster 1408 von den Mongolen zerstört wurde, bot sie 200 Jahre später (wiedererrichtet) den Polen Paroli und dient seitdem als Symbol für den nationalen Widerstand. Die Polen scheinen mir tatsächlich eines der glücklosesten Völker der Geschichte zu sein, obwohl sie über Jahrhunderte im größten Staat Mitteleuropas lebten. Die einzig plausible Erklärung dafür, dass die Polen scheiterten wo ein mit Krummschwertern bewaffnetes Reitervolk Erfolg hatte ist die Romantik der Polen. Sie brachten es wahrscheinlich einfach nicht übers Herz eine so schöne Anlage zu zerstören.
Mich persönlich setzte an diesem Tag ein Virus oder ähnliches außer Gefecht. Ich setzte mich gegen 13 Uhr in den Schatten eines Baumes und war nicht viel später eingeschlafen. Die Beine weit von mir gestreckt, den Kopf auf meinem Rucksack muss ich ein seltsam sabberndes Bild von mir gegeben haben. Aber aller Lächerlichkeit zum Trotz ging es mir nach dem Nickerchen entschieden besser.
Wir trafen uns, nachdem wir uns in Gruppen oder jeder für sich das Areal angeschaut hatten. Wir hatten, was ich sehr vernünftig fand, genug zum Essen mitgenommen, um außerhalb der 1400m langen Mauer ein Picknick zu veranstalten. In Russland gibt es ein Gesetz, das, was ich sehr unvernünftig finde, es einem verbietet, in der der Öffentlichkeit Alkohol zu trinken. Nun stellt sich aber bei einem Deutschen an einem warmen Sommertag am frühen Nachmittag ganz sicher der Bierdurst ein. Gwenneth Erfahrung in Sachen Moskau machte sich bezahlbar. Es gibt in Russland wohl gleichzeitig kein Gesetz und keine Regel, die sich nicht durch ein eigenes Gesetz ein wenig verändern oder umgehen lässt. Während wir unsere Mitbringsel auf den kleinen Rasenstücken unter einer Leninbüste ausbreiteten, stiefelte Gwenneth los, um für seine deutschen Touristen ein wenig Bier zu besorgen. Toll! So saßen wir entspannt beisammen und ließen uns verbotenes Bier schmecken, was den Genuss natürlich gleich verstärkte. Außerdem lud uns Gwenneth zum Abendessen in seiner Wohnung ein, worauf ich persönlich mich sehr freute. Von Sergeev Posad machten wir uns auf den Rückweg. Im Zug wurden wir nur noch bedingt von wandelnden Ramschläden belästigt und ich konnte mein weniger ausgeprägtes Skattalent bei einer kleinen Partie zur Schau stellen.
Bevor es aber zu Gwenneth ging, mussten wir noch etwas Alkohol und Bier besorgen. Das stellte sich leider als unmöglich heraus. Die Läden verkauften an diesem Tage erst ab 20 Uhr derlei Waren und so gingen wir direkt zur Wohnung.

Hier, lieber Leser, hören meine Aufzeichnungen auf. Nicht, weil mich die Miliz schnappte und ich nur diesen Teil des Tagebuchs retten konnte. Eher liegt es daran, dass ich in den verbleibenden zwei Tagen keine rechte Zeit mehr fand.
Das ist einerseits schade, andererseits sehr typisch.

Vielleicht kann ich aber noch aus dem Gedächtnis etwas zusammenbringen.
Bei Gwenneth schlug das Virus wieder zu, und ich verbrachte die erste halbe Stunde auf der Toilette. Das fand ich nicht weiter tragisch, denn so entging ich den Essensvorbereitungen.
Es gab jede Menge Salate. Ich glaube, dass ein paar von uns losliefen, um Bier und Wodka zu besorgen. Denn ganz sicher war ich an einer Stelle des Abends ein wenig nicht-nüchtern. Es kamen noch Freunde von Frank und Gwenneth, mit denen ich Russisch sprach, und ich glaube ich verwickelte Frank in ein angeregtes Gespräch über ein Thema Russlands, das mich offenbar sehr beschäftigte. Kleiner Tip hier: Niemals mit einem kompetenten Menschen über ein Thema streiten, von dem man so gut wie keine Ahnung, aber eine feste Meinung hat.

Was gibt es noch? Ein paar von uns verließen den Abend früher, als Frank, Susanne und ich. Seitdem sind sie verschollen.
Ich habe keine Erinnerung daran, wann und wie wir den Rückweg zum Flughafen antraten. Ich weiß nur noch, dass ich während des Fluges Susannes Flugangst mit Pseudowissen bekämpfte. In Stuttgart nahm ich einen anderen Zug, als unsere Gruppe, und somit würde ich behaupten, endete das Moskauabenteuer. Und für dich, lieber Leser, die Fülle der Worte.

Aber keine Sorge. Ich war in Stockholm. Und ob ich meine Ziele dort aller erfüllt habe (Elche sehen, Pippi treffen, Knäckebrot essen), das folgt, sobald ich die Muße dazu hab.
Bis demnächst.
Robert.

Montag, 15. Februar 2010

Freitag, 05.09.2008, Nachmittag

Ich nutzte diese Gelegenheit und spazierte das zweite Mal alleine durch diese impressive Stadt. Von der Galerie lief ich Richtung Moskva, an Cafés vorbei, ließ ein paar weitere Cafés rechts liegen und passierte mehr als eine massiv aufgetakelte Russin. Es ist ein Dilemma: Moskau bietet eine gewaltige Auswahl an schönen Frauen.. Bei 10 Mio. Einwohnern möchte man meinen, ist das nicht weiter ein Problem. Allerdings befinden sich ca. 90% der Frauen zwischen 18 und 30 in attraktiver Schale, erst ab 60 - 65 setzt ein Erweiterungsprozess in der Taille ein. Das Problem aber ist, dass sich vieel Frauen entweder durch kiloweise Make-Up ihr Gesicht verunstalten oder mit der schlabbrigen Hilfe von seltsamen, Pyjamaähnlichen pinken Kostümen ihre makellosen Körper in abstoßende Hüllen stopfen. Wie gesagt, es ist ein Dilemma. Und sieht man dann doch mal ein hübsches, natrüliches, unverunstaltetes Exemplar, dann hängt es mit der Zunge und/oder anderen Extremitäten an einem 1,65m großen und ebenso weiten Typen mit Armeefrisrur und weiß-blauem Trainingsanzug.

An der Moskva ließ ich meinen Blick schweifen. Rechts Moskau, vor mir Moskau und links ebenfalls Moskau. Allerdings ragte mir aus letztgenennter Himmelsrichtung Peter I entgegen. Von einem Schiff, so häßlich wie Moskau groß. Und Peter war auch nicht mit der Gabe der Schönheit gesegnet oder der Architekt hatte ihm einen üblen Streich spielen wollen.
Ich überquerte den Fluss und kam in eine kleine Grünanlage, in der die letzten verbliebenden Hippies Russlands sich im Gitarre spielen ind Bier trinken übten. Von dort aus marschierte ich Richtung Kreml, nicht ohne beiden zuvor die Europahymne mit geballter mentaler Stimmenkraft entgegenzuschleudern. Ich benutzte meine selbst erfundene Regel zum Straßeüberqueren, ließ mich freundlich aber bestimmt von zwei Bauarbeitern mit Schubkarren über den Haufen fahren und stand schließlich vor der Kremlmauer. Es war wirklich imposant. Und groß! Ich hatte Lust zu laufen, und so lief ich einfach weiter. Überquerte eine große Brücke, ging am Fuße der Mauer durch den Alexandergarten (sehr schön und überschaubar), in dem ich ein paar Pärchen beim Balz -und Paarungsverhalten zusah. Ich bog Richtung Leninbibliothek ab und landete auf dem Arbat. Moskaus bekanntester und häßlichster Einkaufsstraße. Ich war auf der Suche nach Postkarten. Am Abend vorher hatte ich mit Tobias die Hotelpostkartenpreise (und deren Motive) mit Erschrecken zur Kenntnis genommen und wollte nun auf der Einkaufsstraße zuschlagen. Aber außer Cafés und zig Ramschläden fand ich nichts, das ich hätte verschicken können oder wollen. Allerdings entdeckte ich eine Post und konnte wenigstens die Briefmarken erstehen. Und dann passierte das Unfassbare: Ich entdeckte mein Bier. Das Bier der Biere. Das Bier, mit dem ich quasi groß geworden bin. Das Bier, dessen Braugeruch ich vier Jahre lang während jeder Musikstunde durch die geöffneten Fenster in meine lüsternen Geruchszellen zog und dessen karamalzartiger, aber doch bierlich herber Geschmack nach jeder Musikstunde meine Geschmacksnerven kitzelte. Und dies Bier stand nun auf Augenhöhe vor mir. Ich ignorierte den Preis von knapp vier Euro und packte eine Flasche ein. Stellen Sie sich das vor! Vor vier Jahren hatte ich das letzte Mal dieses Bier genießen können, weil es eine kleine Brauerei ist und sich auf Brandenburg und Berlin beschränkt. Da muss ich nun mehrere tausend Kilometer fliegen, mich durch Menschenmassen quälen, und Tauben ihrer Dummheit bewundern, um wieder in den Genuss zu kommen. Ich fuhr schnurstracks ins Hotel, denn besser konnte der Tag nicht mehr werden.
Er wurde es auch nicht. Das erste Problem war, dass ich das Bier trank, nachdem ich schon einen Liter eines anderen Bieres im Blut hatte. Somit bleibt mir nicht mehr viel Erinnerung. Das zweite Problem war, dass mich an diesem Abend meine Freundin anrief, und mir von einem unschönen Fall in der näheren Verwandtschaft berichtete.

Sonntag, 17. Januar 2010

Wieder da! Weiter mit dem Moskauabenteuer,

Die Zeit des Wartens ist vorbei. Es geht endlich weiter. Deswegen ohne weiteres Vorgeplänkel ab ins Moskauer Getümmel ...

Freitag, 05.September 2008
Meine Morgenhymne konnte ich heute nicht singen. Ich hatte ein bißchen zu lange geschlafen. Für ein "Добрый день, Москва!" reichte es dennoch. Wir machten uns mit ca. 30minütiger Verspätung (nicht meinetwegen!) in Richtung Tredjakovskij-Galerie auf. Leider verpassten wir so die morgendliche Rush-Hour und ich musste mein Taschentauschspielchen auf später verschieben.
Die Galerie ist toll und herrlich gelegen. Galerien sind für mich ein durchaus schöner Ort. Zugegebenermaßen; mit 90% der Gemälde konnte ich nur wenig bis gar nichts anfangen. Aber in jeder Ausstellung finde ich in der Regel ein oder zwei Exponate, die ich mir gut in meinem eigenen Schlafzimmer vorstellen könnte. Ich war 2004 in einer Ausstellung in Venedig und entdeckte dort mein Lieblingsbild in einer kleinen, dunklen Seitenkammer.
Dieses hier, d.h. mein Lieblingsbild in der Tredjakovskij-Galerie, hieß "Winterlicher Weg" - welch ein Zufall! Ich stellte mich davor in Hab-Acht-Stellung auf und sprach das gleichlautende Gedicht Puskins laut vor. Die ersten beiden Strophen kann ich schon auswendig.
Erwähnenswert ist neben "Winterlicher Weg" und der Ikonensammlung auch das "Wach"personal. In jeder Galerie, die ich bisher besuchte war die Wachmannschaft männlich oder im schlimmsten Falle weiblich-vollemanzipiert. Mit Walkie-Talkie in der Hand laufen Sie gebieterischen Schrittes durch die Hallen und verhaften jeden, der nicht nach einem ernsthaft-interessierten Besucher aussieht. Das Wachpersonal in der Tredjakovskij-Galerie bestand zu 100% aus Frauen über 50. So sehr ich die sowjetisch erzogene weibliche Bevölkerung Russlands fürchte; ich glaube nicht, dass diese Damen ernsthaft Ärger machen könnten. Ich behaupte sogar, ich hätte ohne Zwischenfall "Winterlicher Weg" von der Wand nehmen können und mit dem Bild unter dem Arm geklemmt gemütlich den Rest der Galerie anschauen können. Die Empfangsdame hätte mir es wahrscheinlich noch in Geschenkpapier eingepackt. "Na, Jüngchen, haben Sie sich ein Bildchen rausgesucht? Schön, wollen Sie ein weißes oder rotes Schleifchen? Kommen Sie bald wieder!"
Nachdem ich mir die Galerie komplett angeschaut hatte, trieb ich mich ein wenig in der Nähe des Gebäudes herum. Ich hatte auf dem Weg von der Metro ein Café entdeckt, das ich mit meiner Anwesenheit beehren wollte.
Und jetzt muss ich mich mal aufregen. Ich war nie ein Freund des Anti-Raucher Gesetzes. Aus verschiedenen Gründen. In Moskau allerdings lernte ich das heimische, rauchfreie Deutschland lieben. Es stinkt einfach in jedem Café, jeder Kneipe und auf jedem freien Platz. Außerdem hasse ich mich für meine Rechenunfähigkeit (bezüglich des Umrechnens des Wechselkurses). Für einen Cappucino inklusiver furchtbarer (!!!) Bedienung zahlte ich 160 Rubel. Das sind 4,20 Euro! Und nicht, wie vorher errechnet, 2,20.
Ich verließ das Café schneller, als geplant und setzte mich nahe eines Springbrunnens auf eine Bank. Prompt war ich wieder von Zigarettenrauch umhüllt.

Andererseits wurde mir erneut deutlich, was für unglaublich dumme Vögel Tauben sind. Was wäre Ihr Privileg als Vogel? (Wenn Sie nicht Laufvogel oder Pinguin sind?)
Richtig, Sie könnten fliegen. Die rauchenden Schönheiten neben mir warfen hin und wieder McDonald's Pommes einer Taube zu. Sofort kamen 20 weitere hinzu geflattert und begannen an dem Stück zu reißen. Dabei machten sie die häßlichsten Glucksgeräusche. Je mehr kamen, umso kleiner wurde das Stück.
Mal ehrlich. Wenn ich ein Vogel wäre, würde ich mir das Stück nehmen und dann wegfliegen. Mal ganz zu schweigen davon, dass ich BurgerKing Pommes bevorzuge. Aber immer wenn eine Taube ein Stück Pommes im Schnabel hatte, ließ sie eine andere solange daran herumreißen, bis es weg war.
Und dann kamen die Spatzen, die ich seitdem in mein Herz geschlossen habe. Sie flogen wie Tiefflieger heran, schnappten sich etwas essbares, und flogen weg. Ganz einfach.

Aber was erzähle ich hier? Ich befinde mich in einer der größten Städte der Welt und lasse mich über Tauben und Spatzen aus, und habe noch keinen Mucks darüber verlauten lassen, wie diese Stadt aussieht, was sie beherbergt udn was es alles zu besichtigen gilt.
Das erste, was einem vermutlich auffällt, wenn man in Moskau ankommt ist neben der gewaltigen Größe die gewaltige Größe. Nicht nur die Ausmaße der Stadt selber, auch die Gebäude folgen einem immensen Stil. Angefangen bei unserem Hotel, über den Kazaner Bahnhof, bis hin zur Lomonosov Universität.
Bei der Tredjakovskij Galerie haben wir einen sehr schönen Teil der Stadt entdeckt. Das (große) Galeriegebäude, ein schöner Platz (gewaltigen Ausmaßes) davor mit Bänken und in der Nähe ein sehr nettes Café. In welchselbigen wir uns mit einem Menschenrechtler trafen, dessen Frisur Albert Einstein Konkurrenz gemacht hätte. Ich möchte den Namen des Mannes nicht erwähnen. Seine Arbeit hat leider keinen hohen Stellenwert in der russischen Gesellschaft. Geschweige denn bei der Regierung.
Das Gespräch war sehr interessant. Wir bekamen eine guten Einblick in den Nationalismus und extreme Tendenzen in Russland. Es war ein seltsames Gefühl. Wie, wenn man etwas verbotenes oder unerwünschtes unternimmt. 13 Leute in einem Hinterhofcafé. Als ob wir einen Packt schmiedeten. 13 wackere Gesellen im Kampf gegen Nationalismus und Volksverdummung. Und wenn es auch weniger dramatisch war, als beschrieben, sollte man doch angesichts der professionellen Ausführungen von Memorial und unserem Einsteinmenschenrechtler besorgt in die Zukunft schauen und sich überlegen, wie man seinen Teil dazu beitragen kann, gegen diese Art der Intoleranz vorzugehen.
Nach dem Gespräch ging jeder mehr oder weniger seiner Wege.

Und hier werde ich das nächste Mal ansetzen. Es ist viel zu lesen und noch viel mehr zu schreiben.
Bis zum nächsten Mal.

Freitag, 23. Oktober 2009

Bekanntschaft mit zwei Generälen

Von den weniger erbaulichen Dingen, die die Russen in ihrer Geschichte veranstaltet haben zurück zur Gegenwart und zu den angenehmeren Teilen. Ich möchte an dieser Stelle erwähnen, dass ich bislang noch keiner – nennen wir es offener Abneigung – begegnet bin, nur weil man in mir den Ausländer schon von weitem erkennt. Die etwas reservierte Haltung mir gegenüber würde ich eher auf den seltsamen Charakter der Russen (oder Moskauer) zurück führen, jedem zunächst seltsam kalt zu begegnen. Entgegen dem Ratschlag meiner besten Freundin so wenig wie möglich russisch zu sprechen, da man ansonsten sofort merkte, dass ich Ausländer wäre, und mir somit die kalte Schulter zeigen würde, habe ich trotz massiven Russischgebrauchs keine derartige Erfahrung gemacht. (Toi toi toi). Ich muss ja auch nicht erst den Mund aufmachen, um erkennbar zu machen, dass ich nicht von Kind an in Moskau aufgewachsen bin. Ich trage schließlich weder eine pinke Jogginhose mit dazugehörigem hellblauen Oberteil und roten Turnschuhen, noch hänge ich von früh bis spät mit meinen Kumpels an dem einschlägigen Stellen herum, um mich mit Wodka vollaufen zu lassen. Meine Turnschuhe sind weiß und getrunken wird im Hotel.
Nein, im Gegenteil zu den düsteren Voraussagen erklärte mir die Dönerfrau freundlich das „Döner“ im Russischen „Kebab“ hieße – hätte ich selbst drauf kommen müssen – bei der Museumsfrau hieß ich liebevoll „молодчик“ - Jüngchen. Die schönste Erfahrung in dieser Beziehung bot mir allerdings der General Vassilij.
Kurz bevor wir uns bei Memorial trafen, ruhte ich mich im Garten der Erimitage ein wenig aus. Links auf einer Bank neben mir war eine Gruppe von drei lärmenden, trinkenden Russen und einer weniger lauten Russin dabei, sich in aller Fürsorgepflicht zueinander gegenseitig mit Sekt und Wein zu versorgen. Auf der Bank zu meiner Rechten saß aber General Vassilij, den ich bis dato jedoch noch nicht als solchen erkannte. General Vassilij ließ sein Taschentuch fallen und bevor er sich bücken konnte war ich mit einem tollkühnen Hechtsprung zur Stelle und hob es in aller mir immer eigenen Ritterlichkeit auf. Er bedankte sich brav auf Englisch (meine weißen Turnschuhe haben mich sicher als Touristen enttarnt) ich aber antwortete in einem Anflug von jugendlichem Hochmut auf Russisch. Da sah er mich ein wenig erstaunt an und fragte mich ob ich Russisch spräche. Ich wollte schon antworten: „Nein, wissen Sie, die eben gesagten Worte sind mir im Traum erschienen.“ aber das entspräche nicht meiner unglaublichen Liebe zu allen meinen Mitmenschen. Also sagte ich nur kurz, dass ich es nur studiere, aber da war er schon ein wenig gerutscht und forderte mich auf sich neben ihn zu setzen. Es entspann sich ein nettes Gespräch, in welchem er immer, wenn er etwas für ihn unerfreuliches erzählte mit Nachdruck mit seinem Spazierstock dreimal heftig auf den Boden klopfte. Am Ende wusste ich nicht nur, dass er die 80 schon seit sieben Jahren überschritten hatte, dass er Panzergeneral im Krieg war und dass er nach dem Krieg als Konzertviolonist durch Deutschland tourte. Nein, in der halben Stunde lernte ich auch noch seine Frau sowie seine Urolgin kennen. Ich glaube viel tiefer kann man innerhalb von 30 Minuten nicht in einen Menschen eindringen. Das lieblichste an General Vassilij war jedoch, dass er der trinkenden Jugend ein ums andere Mal mit seinem Gehstock an den Kragen wollte, weil er deren Sprache nicht ertrug: Schließlich war doch eine Frau dabei, wie konnte man denn da so unmöglich reden?! (Mir ging eher der Krach sowie Geruch gegen den Strich, aber gut.)
Des Weiteren schaute er jeder Frau hinterher, die sich im Alter zwischen 18 und 90 Jahren bewegte. In Gedanken überließ ich ihm die Fraktion Ü30 und vergnügte mich mental mit dem Rest. Es war wie Großvater und Enkel.
Soviel zur Abneigung gegenüber Ausländern.

Vielleicht noch ein Nachtrag zu Memorial: Russlands größte NGO arbeitet in Räumen, die bis zur Decke mit Dokumenten vollgestopft sind. Mitarbeiter müssen sich teilweise Tisch und zuweilen auch – kein Scherz – Stuhl teilen. Die Räume sind winzig. Das ganze Gebäude ist, sagen wir, überschaubar.
Wir nahmen zunächst im Gulag-Archiv Platz. Im Halbkreis, auch auf dem Boden sitzend. Wir hatten an diesem Tag doppeltes Glück: Wir erhielten nämlich einen Einblick in das Gulag- und das Dissidentenarchiv; ein fünf Quadratmeter großer Raum, ebenfalls mit Akten bis zur Decke. Die Herrin des Raumes taute unendlich auf, als sie merkte, dass wir auch wirklich interessiert waren (zumindest diejenigen von uns, die einen etwas ausführlicheren Schlaf bekommen hatten). Sie konnte uns unglaubliche Dinge aus der Dissidentenbewegung zeigen und erzählen. Winzige Papierrollen, die im Samizdat' von Hand zu Hand gereicht wurden. (Samizdat' bezeichnet die Weitergabe von verbotenen Werken unter der Hand; oftmals auch die Kopie selbiger – per Hand. Sam-Izdat': selbst herausgeben)
Außerdem konnte die Dame nette Geschichten von einem gewissen General Piotr Grigorenko erzählen. Grigorenko war eine Person, über die ich ein paar Worte verlieren muss. Der Knabe war mit einer gehörigen Portion Humor und Ironie ausgestattet. Bei Kriegsausbruch kurzerhand aus der Militärakademie an die Front geschickt, kletterte er munter die Karriereleiter bis zum General hinauf. Den ersten Kontakt mit dem Burschen hatte ich in Zusammenhang mit meiner Hausarbeit über die Krimtataren. Urplötzlich aus dem Nichts auftauchend hielt er 1968 vor einer Versammlung von Krimtataren eine flammende Rede für Meinungsfreiheit und Menschenrechte. (Ich glaube jetzt kann man ahnen, in welche Richtung es geht.) Dabei sollte eigentlich sein Kumpel diesen Part übernehmen. Nur lag dieser wegen einer Grippe im Bett. Von diesem Moment an taucht Grigorenko an allen möglichen und unmöglichen Ecken des Landes auf. Ich werde das Gefühl nicht los, dass alles, was ihm gegen den Strich ging nicht vor ihm sicher war. Und das war eine Menge.
Und damit zurück ins Archiv (natürlich besteht hier keinerlei Zusammenhang, aber irgendwie muss ich ja zurück.) Tatjana – die Dissidentenarchiv-Chefin – zeigte uns ein Photo von Piotr dem alten Haudegen. Auf selbigem sieht man ihn von der Hüfte aufwärts. Er hat eine schicke Uniform an und ist mit allen Abzeichen behangen, die jemals zwischen Smolensk und Vladivostok hergestellt wurden. Eigentlich ein durchaus plausibler Grund für Stolz. Nur spiegelt sein Gesichtsausdruck weniger Stolz, sondern eher Ironie und Sarkasmus wider. Das Lächeln ist wirklich ironisch. Fast so, als wollte er sagen: „Schick, nicht wahr? Die Orden sehen doch aus wie echt, findet ihr nicht? Sie sind aber nur aus Holz. Hat mein Sohn in der Grundschule bemalt. Machen wir noch eine Frontalaufnahme?“ Tatjana konnte uns den wahren Grund für dieses spitzbübische Lächeln erklären: Der Held der Sowjetunion und mehrfach ausgezeichnete General Piotr Grigorenko trug zur beladenen Militärjacke eine schlichte Pyjamahose. Ich denke, dass zeigt seine Einstellung zum Militär.
Ja, so einer war unser wackerer Recke. Er verabscheute in späteren Jahren die unmenschlichen Umgangsformen der UdSSR, ließ sich in Pyjamahosen ablichten (übrigens das einzige Photo von ihm in Uniform) und stellte sich auch schon mal munter „Kalinka“ vor sich herpfeifend vor eine Fabrik und verteilte selbst gedruckte Flugblätter mit seinen Söhnen. Irgendwann wurde es der Sowjetführung dann aber doch zu bunt, und sie steckten ihn in ein Krankenhaus für psychisch ein wenig entrückte Menschen. Ein sehr beliebtes Mittel damals, um Dissidenten zu bestrafen und vor weiteren Torheiten zu bewahren. Man beachte nur einmal den symbolhaften Charakter.
Ich bezweifle in keiner Weise, dass der Gute ein interessanter Fall für den Psychiater war („Und Sie haben tatsächlich alle 5000 Flugblätter per Hand geschrieben, Herr Grigorenko?“), aber er war in erster Linie ein beeindruckender Charakter, der Muts genug war, sich gegen ein System zu stellen, das dem kleinsten Anflug von Opposition mit massiven Repressionen Einhalt gebot.
Und Tatjana hat Herrn Grigorenko in seinem Haus besucht. Ich war total begeistert.

Wir trafen noch Frau Irina Schtscherbakova, die uns zuvor einmal in Heidelberg besuchte, und erhielten noch einen kurzen Einblick einer Expertin in die aktuelle Lage im Kaukasus. Offensichtlich standen einem jeden von uns noch die nächtlichen Strapazen ins Gesicht geschrieben, denn wir wurden des Öfteren gefragt, ob wir sehr müde wären. So eine Nacht in einem Moskauer Hotel kann aber auch verdammt lang und feuchtfröhlich werden.
Mir jedoch ging es äußerst gut (zweifelsfrei auf eine schier übermenschliche Fitness zurückzuführen) und ich war voller Tatendrang. Aber auch voller Leere in der Magegend. Wir aßen schließlich in einem kaukasischen Restaurant (welch Ironie) und machten uns dann auf ins Hotel. Ich ließ die Nacht bei ein wenig Wodka und einem netten Gespräch in Sarahs Zimmer langsam ausklingen.

Samstag, 10. Oktober 2009

Sacharov Museum und Handtaschensport

04.09.2008, Donnerstag.

Mein Morgenablauf lässt sich am dritten Tag getrost als "routiniert" bezeichnen: Mit dem Bewusstsein aufwachen, dass am Abend zuvor den russischen klaren Flüssigkeiten reichlich zugesprochen wurde, duschen (um das Gefühl im Kopf zu verabschieden) und dann ab zum Frühstück. Gleich danach wieder rauf und beim Zähneputzen am Fenster die Stadt mit einem Liedchen (wahlweise die russische Hymne oder die Internationale) und einer kleinen Rede begrüßt.
Heute kam zu dem ganzen Ablauf noch das herrliche Gefühl dazu einer von wenigen zu sein, bei denen sich der Kater in überschaubaren Grenzen hält. Ein paar unserer Truppe waren bin 04:30 Uhr unterwegs.
Der erste Punkt heute ist das Andrej Sacharov Museum / Gedenkstätte. Andrej Sacharov war ein äußerst angesehener Wissenschaftler in der Sowjetunion, der ab einem gewissen Zeitpunkt in die Schusslinie der Offiziellen geriet, weil er sich der Dissidentenbewegung zugewandt hat. Heute hat die Gedenkstätte massive Probleme mit der Stadtführung und steht kurz vor dem Schließen. Das Museum zeigte eine Ausstellung, die den orthodoxen Fantikern - und das meine ich jetzt todernst - unorthodox erschien. Prompt hatte das Haus eine Klage am Hals, dann kein Geld mehr, und jetzt sind wir wahrscheinlich eine der letzten Gruppen, die die Gelegenheit bekommen sich das Museum anzuschauen und mit den Leitern zu sprechen.

Die Metrofahrt ist ein beschauliches Erlebnis. Zu den Stoßzeiten (ca. 8 - 10 und 16 - 20 Uhr) scheint ganz Moskau sich zu einem netten Stelldichein in den Katakomben der Metro zu versammeln. Dass es dabei sehr eng zugeht haben Sie vielleicht schon erraten. Wie eng es ist können Sie sich leider nur denken. Stellen Sie sich eine, na sagen wir mittelmäßig besuchte Fußgängerzone in Honkong vor. Sie haben jetzt hoffentlich dieses Bild vor Augen, in dem ein bunter Haufen Asiaten vor einer Fußgängerampel steht und auf grün wartet. Nehmen Sie nun diesen Haufen, addieren ein paar höher gewachsene Russen (durchaus auch nach der vergangenen Nacht riechend) und sperren Sie ihn nun in eine 3*5m große U-Bahnhaltestelle vor zwei Rolltreppeneingänge.
Kleiner Tipp: Sollten Sie nach Moskau kommen, ziehen sie keine weißen Schuhe an.
Diese Menschenmasse bewegt sich in nur eine Richtung und wenn sie in eine andere wollen haben Sie verloren.
Das Erstaunliche aber ist, dass alles in einer fast beängstigenden Ruhe vor sich geht. Zwar wird geschoben und gedrängelt als gäbe es am Ende der Treppe gratis Wodka, aber keiner flucht oder schickt den Passanten böse Verwünschungen hinterher.
Und das Beste ist meiner Meinung nach der ungeheure Spaß, den man haben kann. Ich habe von Mutter Natur ein Paar zwar schlacksiger, aber dafür unerhört langer Arme bekommen. Als Kind wusste ich nicht viel damit anzufangen und meine bewusste Kontrolle über diese meine Arme war begrenzt. Daraus resultierten dann der ein oder andere gebrochene Finger.
Spätestens seit Moskau jedoch habe ich den tieferen Sinn entdeckt: In diesem unglaublichen Gedränge ist es ein Heidenspaß die Inhalte von Frauenhandtaschen zu vertauschen. Bevor Sie mir jedoch kriminelle Charakterzüge unterstellen möchte ich erwähnen dürfen, dass der Anstoß zu diesem (anstößlichen) Sport unfreiwillig kam. In eben solch einem Menschenknäuel schlenkern meine Arme immer in irgendwelche Handtaschen hinein und wenn ich sie verdutzt herausziehe hängt vielleicht ein Teddybär, ein Lippenstift, Spiegel, Pfefferspray oder sonst ein lustiges Gerät mit daran. Tja, und eh ich mich's verseh liegt es auch schon in einer anderen Handtasche. Denn die ehemalige Besitzerin wurde vom Menschenstrom weiter gezogen und an ihre Stelle tritt eine neue Frau - mit Handtasche. Nun ja, und jetzt betreibe ich diesen Sport bewusst. Wobei ich versuche Portemonnaies immer in die richtige Handtasche zurück zu geben - natürlich nicht ohne vorher einen 10 Rubelschein mit hineingesteckt zu haben.

Das Musem derweil war von äußerster Übersichtlichkeit und wunderbar. Menschenrechtler in Russland haben leider einen schweren Stand und so ist das 1996 gegründete Sacharov Museum auch nicht viel größer als ein Einfamilienhaus. Die Ausstellung befindet sich in der ersten Etage und ist jedem zu empfehlen, der ein wenig russisch kann. Es ist eine düstere Epoche der russischen Geschichte gezeigt (sprich: die russische Geschichte von den Anfängen bis heute) und es dreht sich vor allem um die Zeit des großen Terrors unter Stalin. Mit Hilfe der NGO Memorial hat es die Sacharov Gedenkstätte geschafft Listen der in Moskau Erschossenen und Verurteilten zu erstellen. Das ergreifenste Exponat ist sicherlich die Akte, in der ein Photo der betroffenen Peron klebt und mit ein paar Zeilen das "Vergehen" geschildert wird. Teilweise sieht man den gebeugten Leuten die Folter an, die sie erlitten. Nicht wenigen scheint es ins Gesicht geschrieben zu sein, dass sie wissen, dass sie gleich erschossen werden. Eine chronolgische Darstellung der schlimmsten Jahre, Geräte und Kleidung aus der Lagerhaft, Listen und Bilder von Denkmälern für Opfer der Repressionen und eine Tafelchronologie Sacharivs komplettieren dieses Museum. Gehen Sie hin, es lohnt sich!

Vom Museum aus machten wir uns auf den Weg zur Arbeitsstelle Memorials, der NGO in Russland.
Ich weiß nicht genau ob ich die dort aufgegriffenen Eindrücke beschreiben möchte. Es war eine unglaublich surreale Begegnung mit der Realität. Dokumente (Originale) von Verfolgten, Verurteilten, Erschossenen; eine Registrierkarte einer vierjährigen, deren Eltern weggesperrt wurden; ein Parteiwausweis, dessen Besitzer ebenso im Nirgendwo verschwand, wie Millionen und Millionen anderer, deren Geschichte und Schicksale Memorial versucht zu sammeln, so dass sie nicht in Vergessenheit geraten.


Sicherlich habt ihr bemerkt, dass ich in dem Moskautagebuch Euch immer mit "Sie" anspreche. Das liegt ganz einfach daran, dass ich vor einem Jahr noch nicht so recht wusste, wem ich das Tagebuch letztendlich zeigen würde. Und für den Fall, dass die Bundeskanzerlin oder zumindest ein Dozent meinerseits diese Zeilen läse, habe ich mich für die etwas höflichere Form entschieden. Ich glaube auch, dass es dem Inhalt eher entspricht, und möchte deswegen dabei bleiben, so lange ich das Moskautagebuch "veröffentliche". Ich hoffe ihr verzeiht mir, dass ich Euch mit Sie anspreche.

Freitag, 9. Oktober 2009

Straßenüberquerung und Kreml

Es folgen ein paar Sätze zum gestrigen Abend:

Mittwoch, 03.September 2008.


Nachdem wir eingecheckt und unsere Zimmer ausgecheckt waren, trafen wir uns, um gemeinsam zu Abend zu essen. Wir planten dieses Vorhaben in einem Restaurant in der Nähe des Hotels durchzuführen. Auf dem Weg dorthin mussten wir zwei Straßen überqueren, was angesichts der Beschaffenheit der Straßen kein Problem gewesen wäre. Als Problem entpuppte sich jedoch der Verkehr. Und das gilt für Moskau allgemein. Zwar gabe es zwei Zebrastreifen, aber diese werden ausschließlich von Fußgängern entdeckt, benutzt und vor allem beachtet. Um in Moskau von einer Straßenseite auf die andere zu kommen folgt man den folgenden Anweisungen (sofern keine Unterführung aufzustöbern ist):
1) Rufen Sie die Leute an, die ihnen lieb sind und machen Sie sie darauf aufmerksam, dass die Möglichkeit bestünde, dass Sie in Kürze nicht mehr sind.
2) Erkundigen Sie sich bei ihrer Lebensversicherung über die Konditionen im Falle eines unfreiwilligen Ablebens.
3) Senden Sie ein Stoßgebet gen Himmel.
4) Stellen sie sich auf die Straße. Aber höchstens einen halben Schritt vom Trottoir entfernt. Es folgen drei Möglichkeiten:
a) Sie werden von einem vorher nicht sichtbaren Auto überrollt.
b) Sie werden von einem vorher sichtbaren Auto überrollt.
c) Sie überleben.

Falls "c" eintrifft, lesen Sie weiter. (Lesen Sie auch so weiter, bitte!)

5) Warten Sie eine Lücke im Verkehr ab, die ungefähr so groß ist wie eine in Deutschland, bei der Sie ihr Kind erschrocken am Arm packen würden, weil es gerade los laufen wollte.
6) Laufen Sie los, und was immer Sie tun, bleiben Sie nicht stehen!

Wie dem auch sei. Nach erfolgreicher Straßenüberquerung und Rückkehr ins Hotel trafen wir uns zu einem geselligen Beisammensein, bei dem es weder an Wodka noch an lustigen Geschichten fehlte. Später kam sogar noch Frank dazu und das Ganzen nahm außergewöhnlich angenehme Züge an, wenn man bedenkt, dass wir in einem Land waren, in dem heutzutage Menschen willkürlich weggesperrt und/oder erschossen werden.

Doch nun zum Tagesverlauf. Wer verwirrt ist (Ich musste gerade mehrmals lesen und scharf nachdenken, um herauszufinden, über welchen Tag ich gerade geschrieben habe), dem sei gesagt:
Der Rückblick (Straßenüberquerung, Restaurant und Wodkabeisammensein) bezieht sich auf den Abend des 2. September, sprich Dienstag. Nun folgt der Tagesablauf des 3. Septembers, Mittwochs.

Nach dem Frühstück ging es auf in die Stadt. Moskau wartete auf uns. Moskau! (In meinem handgeschriebenen Tagebuch finde ich den Hinweis: Schreib was zur Geschichte der Stadt! Bitte nehmt es mir nicht übel, wenn ich mich jetzt nicht weiter zur Historie äußere. Die Zeit fehlt mir einfach.)
Auf dem Programm stand eine Stadtführung. Ich grübelte ein wenig über diese Idee, denn eine Stadt mit mehr als 10 Millionen Einwohnern ließe sich bestimmt nicht innerhalb nur eines Tages erlaufen. Ich sollte glücklicherweise Recht behalten.
Wir trafen unsere Fremdenführerin - nennen wir sie spaßenshalber Ewa - an den Toren des Kremls. Sie riet uns Rucksäcke und ähnliche, potentielle Sprengstoffherbergende Gerätschaften in der dafür vorgesehenen Rezeption zu verstauen. Mißmutig trennte ich mich erst von meinem Rucksack (Ich hatte ihm den Kreml quasi versprochen) und dann von meinem Geld.
Die Kremlführung war großartig!

Ich denke, dass sie es war. Leider steht jetzt in meinem Tagebuch folgendes:
-Schatzkammer
-Waffenkammer (verbranntes Kettenhemd)
-Kloster(Platz) + Pause
-Glocke (6m hoch) + Kanone (auf Kreml)
-ich zu Susanne: wenn ich Präs. wäre
-Kreml raus: Rucksäcke, Alexandergarten, Versuch auf Roten Platz zu gelangen
-Lenin und Niko/Stalin (Hitler)
-Basilika + Tschüß
-Frank + Susanne -> Alte Zeiten
-sehr schön (Russe, der 2 Zigaretten wollte)
-Metro, bot. Garten, Eintritt zurück
-Supermarkt, Döner = nette Frau
-Zimmer, Politik, Hitler ... Antifa
-Bett + Gute Nacht!

Ja. Ich sitze genauso da, wie ihr. Ich habe keine Ahnung, was ich mir da sagen wollte. Sehr interessant finde ich: "sehr schön (Russe, der 2 Zigaretten wollte).
Haben wir einen schönen Russen getroffen, der zwei Zigaretten wollte? Haben wir sie ihm gegeben? Warum erwähne ich das? War er SO schön? ...
Ich sitze hier mit geschürzten Lippen und zusammengekniffenen Augen und versuche mich zu erinnern. Was für ein verbranntes Kettenehemd meine ich?
Ich erinnere mich an einen Garten (den Alexandergarten) und weiß auch noch, dass er sehr schön war. Aber alles andere? Wieso erinnere ich mich nicht so genau?
Vielleicht haben wir getrunken. Vielleicht haben wir im Kreml eine Gehirnwäsche bekommen oder wurden á la Men In Black geblitzdingst. Wahrscheinlicher aber ist, dass ich von der Miliz verprügelt wurde. Diese Burschen waren mir von Anfang an suspekt.

Nun, ich werde wohl den Kreml Kreml sein lassen müssen und zum nächsten Tag übergehen.
Dann berichte ich vom Sacharov Haus und wie man im Gedränge der U-Bahn keine Langeweile bekommt.

Dienstag, 15. September 2009

Flug (2) und unser Hotel - Morgendliche Schwierigkeiten

Eine unerwartet lustige Abwechslung hält das Ausfüllen des Einreiseformulars bereit. Nennen wir es ein für das KGB-Archiv taugliches Papierchen. Ca. 2*3cm groß darf man neben dem Vatersnamen auch die Dauer des Aufenthalts angeben. Natürlich nicht ohne die üblichen Auskünfte in einem Formular wie diesem. Sprich: Versicherungsnummer, Kontonummer samt Passwort und Pin, jährliches Gehalt, politische Neigung etc. Schade, dass es so klein ist. Gerne hätte ich noch ein Passphoto eingeklebt, damit man auch meine Hautfarbe erkennen kann.

02.09.2008, 14:58 Uhr Moskau.
Um 14:58 Uhr, am 02.September 2008 war es dann soweit. Ich betrat zum ersten Mal in meinem Leben russischen Boden. (Hier muss ich eine kleine Einschränkung vornehmen, die mir erst im Nachhinein aufgefallen ist: Es muss korrekterweise „geographisch betrachtet russischen Boden“ heißen. Denn politisch-russischen Boden habe ich mehrere Jahre als kleiner Steppke zu DDR-Zeiten be-und getreten.)
Mit der Videokamera in der Hand und einem beherzten Sprung von der zweiten Stufe der Gangway begrüßte ich Russland.
Es empfing mich freundlich: Vom Flughafen ging es relativ flott in die Stadt und von einer Metrostation nahtlos zu unserem Hotel. Einen sozialistischeren Prunkbau kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Groß wie … ja, wie ein sozialistischer Prunkbau eben und von einer betäubenden Gleichheit umwoben.
Auf dem Weg zum Hotel fielen mir zahlreiche Ähnlichkeiten mit (Achtung!) den Vereinigten Staaten von Amerika auf: Rechts und links der Autobahn riesige Reklameschilder, wie ich sie nur von amerikanischen Highways kenne. Die Fußgängerampeln hier zeigen ebenso wie in Chicago die verbleibenden Sekunden an, ehe sie auf rot oder grün wechseln. Und auch das Metrosystem erfreut sich einer zweifelhaften Ähnlichkeit zu jenem, welches ich in Chicago kennenlernte: Man kauft eine Karte, auf der wahlweise 1, 5, 10, 20 oder 60 Fahrten „gespeichert“ sind und schiebt diese dann, bevor man in den U-Bahnschacht hinab steigt in ein kleines geheimnisvolles Kästchen. Dieses leuchtet erst rot, aber nach dem Füttern mit den Daten auf der Karte blinkt es (im Idealfall) grün. Die Gehschranke öffnet sich und man geht zur U-Bahn herunter. Gar nicht mal so doof.
Im Hotel erfolgt der obligatorische „Check-In“, der erfordert, dass unsere Reisepässe über Nacht bei der Hotelrezeption bleiben müssen. (Weiß der Geier warum – wahrscheinlich werden Kopien angefertigt, um im Falle einer Bevölkerungsexplosion die russische Bevölkerung mit ausländischen Pässen versorgen zu können.)
Wir erhalten jedoch im Tausch für die Pässe amateurhafte Papiere – ähnlich unseren Studienausweisen der Ruprecht-Karls Universität zu Heidelberg (nur größer, schöner und bedeutender). Diese erlauben uns den Zugang zum Fahrstuhl, zum Essensraum, zu unseren Zimmern, sprich: Zum Hotel. Sie dienen uns quasi als Schlüssel zu unserer Bleibe und wir sollten es tunlichst unterlassen, diese „Dokumente“ zu verlieren oder auf dem Zimmer zu vergessen.

Mittwoch, 03.September 2008.
Ich habe mein „Dokument“ auf dem Zimmer vergessen.
Der Handywecker hat mich um 07:30 geweckt. In unserem kleinen, aber feinen Badezimmer habe ich geduscht und bin dann knappe 60 Minuten mit dem Fahrstuhl aus dem 20. Stock in die Tiefe gefahren. Zuvor aber habe ich noch einen Blick aus unserem Hotelzimmer riskiert und erstaunt festgestellt, dass der Ausblick atemberaubend ist. Mit den ersten zwei Zeilen der russischen Hymne (warum kann ich immer nur den Anfang?) habe ich auf meine Art Moskau begrüßt.
Auf Bodenebene angekommen wollte ich in den Essensraum, dessen Betreten mir jedoch wegen mangels am nötigen „Dokument“ versagt wurde.
Ich bin ein friedliebender Mensch, aber man sollte es gefälligst unterlassen mich um mein Essen zu bringen. Und dann auch noch um die erste Mahlzeit des Tages!
Ich wurde vom freundlichen aber sehr bestimmten Fahrstuhlportier an die Rezeption geschickt (ich durfte den Fahrstuhl ja nicht benutzen – schließlich hatte ich mein „Dokument“ auf dem Zimmer vergessen). Dort befürchtete ich das Schlimmste: Anschreien von Seiten Rezeptionsfrau, höhnische Blicke meiner Mitstreiter, Rüge vom Exkursionsleiter, Geldstrafen, Miliz, Einsperren, Gulag, Verhandlungen um meine Freiheit, Abbruch der diplomatischen Beziehungen, Kalter Krieg – das Übliche eben.
Aber nein!
Nur eine Minute später hatte ich ein neues, frisch gedrucktes „Dokument“ in der Hand. Und das Schönste an dem ganzen Hick Hack war, dass ich das alles auf Russisch hinbekommen habe. So etwas macht Mut, also auf zum Frühstück!

Beschwingt von diesem morgendlichen (07:45 Uhr!) Spracherfolg begrüßte ich die Dame vor dem Speisesaal nicht nur mit einem Lächeln, sondern auch mit einem ehrlich gemeinten „Добрый день!“. Als ich den Saal betrat verhallte mein Добрый день und mein Lächeln erstarb augenblicklich. Der Saal war riesig (ich hätte es ahnen sollen) und das Essen in allen Nischen und Ecken versteckt. Es begann eine heitere Such-und Findtirade, an deren Ende ich mit einem Teller voller Salat, undefinierbarem Gebäck, Orangenstückchen, Gurke, Schinken und Käse und sogar einem Glas Ananassaft auf den Händen meine Truppe fand. Die Gurke schmeckte nach Erde und die Orange nach Wodka, ansonsten war alles langweilig normal.

Beim Essen machte mich mein Zimmermitbewohner Christian darauf aufmerksam, dass ich letzte Nacht unsere Tür offen gelassen hätte. Hierzu ein paar Worte. Zunächst zur Tür: Sie klemmt.
Nein. Sie klemmt nicht nur, sie ist Trägerin des Klemmpatents. Man muss, um sie von außen zu schließen, beherzt vom anderen Ende des Ganges Anlauf nehmen und sich ohne Rücksicht auf eigene Verluste dagegen werfen. Um sie von innen zu schließen bedient man sich des folgenden Tricks: Man befestigt das eine Ende eines Unterarm dicken Taus an der Türklinke und das andere an einem der drei Betten. Dieses schmeißt man dann zum Fenster hinaus. Der Zug sollte die Tür schließen. Das Bett kann man danach getrost nach oben ziehen.
Öffnen lässt sich die Tür übrigens problemlos.




An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass ich den Blog besser hätte gliedern sollen und können. Ich möchte hier für heute Schluss machen, da der Abschnitt, der das Ende dieses Tages beschreibt noch relativ lang ist, und somit der jetztige Blog eine gewisse Länge überschreiten würde, bei der die Konzentration nachlässt.
Als nächstes erscheint dann hier also noch die Beschreibung unseres ersten Abends sowie wertvolle Hinweise zur Überquerung einer Straße in Moskau.

Bis bald.
Robert